Besuch auf der Dauerbaustelle BER

14.01.2019

Zusammen mit meiner Kollegin June Tomiak und weiteren Leuten der grünen Fraktion habe ich am 10. Januar 2019 Berlins komplizierteste Baustelle – den BER bzw. den Flughafen “Willy Brandt” – besucht. In rund 2h bekamen wir einen Rundgang durch die Hallen und konnten dem Vorsitzenden der Geschäftsführung der Flughafengesellschaft, Herrn Engelbert Lütke Daldrup, viele Fragen stellen. Wir haben versucht, möglichst viele Eindrücke und Infos für Euch auf Instagram festzuhalten.

Zur Instagram-Story geht es hier lang –> https://www.instagram.com/stories/highlights/17956916002209952/

Wie kam es zu diesem Besuch? Der BER ist eine Geschichte des kollektiven Versagens, und dennoch hieß es in den Verhandlungen zum letzten Nachtragshaushalt, dass wir als Land Berlin evtl. noch neues Geld nachschießen müssen. Als Mitglied im Verkehrsausschuss war ich darüber sehr verärgert: Denn wir als zuständiger Ausschuss wurden in dieser Legislatur – und viele Mitglieder sind wie ich neu im Parlament – noch kein einziges Mal vor Ort herum geführt. Und dann wollen die Geld! Ich habe daraufhin geschrieben, dass ich dem nicht zustimmen kann. Im Nachtragshaushalt waren dann auch keine BER-Mittel drin und wir haben diesen Termin bekommen.

Problem ist die gewaltige Komplexität – und falsche politische Entscheidungen

Schon vorab habe ich gelernt, was hinter den vielen Verschiebungen für Probleme standen. Die größten gingen allesamt auf das Konto der Politik. Alte Männer, die meinten, es ganz genau zu wissen – aber im Nachhinein hat man ja immer gut reden.

1. Der Ort ist schonmal falsch gewählt, weil z.B. das brandenburgische Sperenberg besser geeignet wäre. Weniger Fluglärmgeschädigte. Aber nun gut, in den 1990ern hatte man ewig darum gestritten und irgendwan wurde mal eine Entscheidung getroffen. (Wünscht man sich bei anderen Dingen heute ja auch oft.)

2. Wowereit dachte, er kann es besser als ein Unternehmen, und so wurden die Eigner (Berlin, Brandenburg und der Bund) selbst zu Bauherren. “Wir können das billiger – unter einer Milliarde” war die Divise… Heute stehen wir bei 6,5 Mrd. Euro. Danke Wowereit! Allerdings hatte man damals Angst, sich von einem dicken Unternehmen wie z.B. ThyssenKrupp (da kennt man sich ja auch mit deutschen Großprojekten…), über den Tisch ziehen zu lassen. Die damalige rot-rote Regierung wollte vielleicht ein Zeichen gegen den Neoliberlismus setzen? Größenwahn? Es half auch nichts, dass die Politik noch an bestehenden Bauplänen rumdoktorte. Der Bau wurde zu einer Odysee.

3. Statt einem Generalunternehmen wurde der riesige Bauauftrag in kleinere Lose unterteilt. So sollte die Berliner Wirtschaft – sehr mittelständisch geprägt – von diesem Mammutprojekt profitieren. Die Lose waren aber immer noch zu groß. Also wurden sie wieder unterteilt. Am Ende gab es zig Kleinstaufträge und die Steuerung dessen war eigentlich schon nicht mehr möglich.

4. Als es immer mehr Verzögerungen gab, traute sich irgendwann niemand mehr, den Mund auf zu machen. Wowereit und Platzek wollten “Willy Brandt” unbedingt eröffnen – es wurde nach unten durchgegeben, dass das zu funktionieren habe. Kurz vor dem Termin dann 2012 die peinliche Absage. Die Machos hatten versagt. Doch statt eines Rücktritts von Wowi und Co. musste die Planergemeinschaft gehen. Sicher gab es auch dafür Argumente – aber sie nahmen alle Pläne mit sich. Die folgenden Jahre war man damit beschäftigt, sich einen Überblick über verlegte Kabel etc. zu machen. Auch bei unserem Besuch trafen wir einen Techniker, der gerade einen falsch verzeichneten Sprinkler in der Haupthalle gefunden hatte und am Reparieren war. Zudem hatte man mit einer Doppelspitze, einem Hartmut Mehdorn usw., auch personelle Herausforderungen.

Nur einen kleinen Eindruck bekommen

Wir konnten bei unserem Besuch viele Fragen stellen, doch es war auch klar: Wir bekamen hier nicht mehr Informationen, als es die Presse bekommen würde. Das finde ich als Parlamentarier, der dafür ggf. neue Gelder bereitstellen soll, grundsätzlich fragwürdig. Allerdings haben wir den Besuch ja auch als “Kennenlernen” deklariert. Also all good for now! Zudem ist die Finanzierung laut FBB wohl bis 2020 gesichert. Und sollte dann noch was nötig sein, wäre ich auch sehr stark dafür, erstmal über die Flugentgelte zu reden… Der Airport kann seine Einnahmen ja selbst bestimmen. Und die Fahrgastzahlen nach Berlin steigen gerade so rasant, dass eine etwas höhere Gebühr kein Weltuntergang wäre – und gut für die Steuerzahler*innen.

Es gibt am BER einige “kritische Gewerke”, also Bereiche, die noch richtig funktionieren müssen und sehr im Fokus stehen. Dazu gehören die Entrauchungssteuerung, die Sprinkleranlagen (Arbeiten abgeschlossen) oder die Brandmeldeanlage und die Kabelgewerke (hier ist noch jede Menge Arbeit, insbesondere im Hauptterminal). Über diese haben wir viel gesprochen, aber im Endeffekt können wir das natürlich nicht nachprüfen. Es gibt immer wieder Tests in Untereinheiten (z.B. einem Teil der Halle) und die waren bisher alle positiv. Aber es kann nicht gesagt werden, ob am Ende irgendwo eine falsche Tür auf Knopfdruck aufgeht und alle Kabel nochmal überprüft werden müssen. No risk, no fun!

Absurd aber erklärlich

Es war absurd, was für Anekdoten uns da erzählt wurden. So war beim Test der Notfallsysteme die Alarmansage nicht zu verstehen, weil die gleichzeitig anlaufenden Entrauchungsklappen zu laut waren. Als wir da waren, lief gerade der Test in der Haupthalle, ob die Ansagen genug zu verstehen sind. Oder die metallernen Kabeltrassen in den Dekcen, auf die man – um Zeit zu sparen – die richtigen Kabel einfach rauf gelegt hat. Man wollte ja nicht die falschen rausnehmen. Aber es gibt Vorschriften für diese Kabeltrassen und wenn da ein Kabel zu viel liegt, dann müssen sie doppelt angeschraubt werden und Kabeltrenner zwischen den Kabelsträngen haben. Alles fein nach Vorschrift. Tja… und so gibt es nun Kabelsalat und 170 Leute die aktuell nur damit beschäftigt sind.

Eine Inbetriebnahme des BER und der erste richtige Abflug von “Willy Brandt” ist weiterhin für den Oktober 2020 terminiert. Dafür muss der Airport eigentlich ab diesem Herbst einsatzfähig sein – weil dann noch Tests und Einrichtung folgen. Ich hatte den Eindruck, dass das machbar ist. Allerdings konnten wir natürlich nicht alle kritischen Stellen einsehen geschweige denn beurteilen. Wenn Herr Lütke Daldrup mir sagt, nicht nur er, sondern auch der TÜV haben doppelte Zeitpuffer eingeplant, kann ich das glauben oder nicht.

Aktuelle gute Nachrichten vom BER auf dessen Website: http://roadmap.berlin-airport.de/#!

English explanatory podcast on the BER: http://www.radiospaetkauf.com/ber/

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