Bericht Kiezgespräch: Cannabis als Medizin

27.08.2016

Bild Flyer Cannabis und Flyer KiezgesprächEin sanfter Grasduft wehte gestern durch Neukölln, als mein zweites Kiezgespräch zum Thema “Cannabis als Medizin” losging. Grund war mein Referent Maximilian Plenert vom Deutschen Hanfverband. Er darf das ganz legal, denn er hat ein ärztliches Attest und ist einer von rund 700 Menschen, die Cannabis als Medizin gestattet bekommen haben. Doch so schön das für einige vielleicht klingen mag ist es nicht grundsätzlich. “Man muss schon eine volle Krankheitsgeschichte nachweisen,” also viele Therapien gegen z.B. ADHS oder andere Krankheiten gemacht haben, erklärt der sympathische Physiker dem Dutzend interessierten.
Vor dem Geschwister Nothaft kamen nicht nur akademisch interessierte, sondern auch Menschen, die praktische Informationen wollten. Für sie gab es keine guten Nachrichten. Cannabis als Medizin ist zwar legal, doch es gibt Deutschlandweit gerade einmal drei Ärzte, die sich das überhaupt trauen. Hinzu kommen die vollen Kosten (400 Euro für alle Anträge, Formulare etc.; dann 15 Euro pro Gramm Cannabis). Die Personen, welche Cannabis als Medizin wirklich brauchen, sind aber gerade ältere und ärmere Menschen.

Deutschland geht neuen Weg.

Daher lobte Plenert auch vorsichtig den von der Bundesregierung kürzlich beschlossenen Gesetzentwurf, wonach eine Erstattung durch die Krankenkasse möglich wäre – diese opponieren aber derzeit kräftig dagegen. Und das Gesetz ist noch nicht durch den Bundestag. Zwar folgte Bundesgesundheitsminister Gröhe lediglich einem Gerichtsurteil, doch Deutschland wäre auch dann schon international am fortschrittlichsten im Bereich Cannabis als Medizin. Zukünftig würden aber alle Patient*innen verpflichtet werden, als Forschungsobjekte zu fungieren. Denn es fehlt erheblich an Daten, um bessere Aussagen über die Heilwirkung von Cannabis zu machen. Hier rächt sich die idiotische Kriminalisierung von Hanf in den vergangenen Jahrzehnten.

Legalisierung nur noch eine Frage der Zeit

Plastikbehälter mit Cannabis Flor

Cannabis als Medizin


Und genau da ist die Welt schon weiter als die deutsche Politik. Colorado freut sich über Steuermehreinnahmen, Uruguay missachtet (rein formal gesehen) UN-Konventionen aber es interessiert keinen und in Berlin juckt es auch die Streifenpolizist*innen nicht, wenn ein Punk sich neben ihnen mal ne Sportzigarette dreht. Ziemlich sicher ist m.E. auch das: Fast alle Abgeordneten von CDU/CSU und SPD konsumieren doch regelmäßig verschiedenste Drogen – auch Cannabis. Warum scheuen sie eine ehrliche Debatte?
Die Grüne Bundestagsfraktion hat daher ein Cannabiskontrollgesetz vorgelegt, um Politik und Realität mal wieder etwas näher zusammen zu rücken, Cannabis aus der Illegalität zu holen und damit Konsument*innen endlich auch zu schützen. Denn wer Kiffende zwingt ihren Stoff im nächsten Park zu holen, der soll sich nicht wundern, wenn dort mehr Betrieb ist als auf dem Oktoberfest und Kids schon früh in Kontakt mit der kriminellen Szene – und ganz anderen Substanzen – bekommen. Cannabis ist eine Einstiegsdroge, weil sie kriminalisiert ist. Stattdessen sollte es wie Alkohol und Tabak (plus Beratung und besserer Information) in ausgewählten Geschäften abgegeben werden.

Neukölln muss raus aus der Spießbürgerlichkeit

Normalität in Nordneukölln. Doch nur für wenige Patient*innen auch legal


Im Neuköllner Rathaus wurde bisher sicher eher über den gescheiterten Versucht Kreuzbergs, einen CoffeeShop zu errichten, gelacht. Zu spießbürgerlich sind viele Akteure in den beiden großen Volksparteien. Zu unwissend um zu erkennen, was um sie herum bereits Realität ist. Doch “Kreuzberg hat gerichtlich nicht Unrecht bekommen, sondern scheute nur ein langes und teures Rechtsverfahren,” so Plenert. Die Forderung eines Modellversuches im Sinne der Forschung “wäre auch nach internationalen Konventionen möglich”. Dazu muss der Druck aber erhöht werden.
Unser geliebtes Nordneukölln ist der Bezirk, wo gerade die meisten neuen und spannenden Sachen in Berlin ausprobiert werden. Die Menschen sind viel offener und weiter als viele Politiker*innen. Berlin als Stadt hat sowieso den Ruf, weltoffen und liberal zu sein. Wo, wenn nicht hier, können wir mal neue Wege in der Drogenpolitik gehen?
Ich werde mich auch dafür einsetzen – mit Eurer Stimme am 18. September.
joint drehende Hände, Economist

Auszug von der Titelseite vom “The Economist” (02/2016)

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