Corona kann ein Grundstein für Klimagerechtigkeit sein

30.04.2020

Pop-Up-Fahrradweg

Pop-Up-Fahrradweg

Wann immer ich mir gerade einen Film ansehe, zucke ich innerlich zusammen, wenn Menschen sich zur Begrüßung umarmen oder mehrere Personen in Gruppen zusammenstehen. Das Corona-Gefühl ist in Mark und Bein übergegangen und wird wohl auch nicht so schnell verschwinden.

Die aktuelle Krise stellt einzelne Menschen und die Gesellschaft als Ganzes vor ungeahnte Herausforderungen. Sie wird Strukturbrüche verursachen und vielleicht auch Frust über „die Politik“ mit sich bringen. Und dennoch: Wer vorrausschauend Politik macht, muss weiter denken als bis zur nächsten Kurve und die anderen gesellschaftlichen Krisen nicht aus dem Blick verlieren. Deshalb sollten wir jetzt schon darüber nachdenken, was wir aus der Corona-Erfahrung lernen können und wie wir gemeinsame Lösungen erarbeiten können.

Dies betrifft insbesondere Fragen der Umwelt- und Klimapolitik, die in den letzten Wochen in den Hintergrund getreten sind. So sehr ich mir ein Ende der aktuellen Einschränkungen wünsche, so sicher ist, dass wir einiges aus dieser Zeit für unseren Alltag und die Lösung der Umweltprobleme nach Corona lernen können.

Zuallererst die große Solidarität, die wir um uns herum erleben können. Überall finden sich Nachbar*innen zusammen oder es werden Chat-Gruppen gebildet, um den Menschen zu helfen, die als Teil einer Risikogruppe Unterstützung brauchen. Und in einer global vernetzten Welt müssen alle mitmachen, damit ein Virus besiegt werden kann. Selbst Nationalisten und Neoliberale sollten doch jetzt erkennen, dass wir Probleme nur international und durch Zusammenhalt bewältigen können. Wenn jeder nur an sich selber denkt, hat das katastrophale Auswirkungen.

Aber natürlich gibt es auch ganz konkrete Alltagsveränderungen. Wir alle merken gerade, wie sehr wir den direkten Kontakt zu anderen Menschen vermissen, aber dass es durchaus Dinge gibt, für die eine Videokonferenz das beste Mittel zum Austausch ist.  Die bisher verschlafene Digitalisierung holen wir nun immerhin etwas nach. Auch einige Abgeordnete haben jetzt mal an einer Videokonferenz teilgenommen. Es ist kein Zufall, dass wir zeitgleich beschlossen haben, als Politik und Verwaltung auf innerdeutsche Flugreisen zu verzichten. Wir sollten uns nach Corona also fragen: Wieviel Verkehr wollen wir uns leisten, wenn die Alternativen nun jedem bekannt sind? Ohne massenhaft Inlandsflüge können wir uns auch die ohnehin klimapolitisch irrsinnige Erweiterung des Flughafens BER sparen.

Viele Organisationen erfahren gerade, dass es kein Verlust ist, wenn Mitarbeiter*innen im Home-Office arbeiten und so die morgendliche Rush Hour vermeiden können. Ein Berlin mit weniger und einem entzerrten Berufsverkehr ist eben auch eine lebenswertere Stadt, weil sie bessere Luft, weniger motorisierte Gefahr und mehr Platz für alle bietet.

Viele die sonst am Wochenende raus fahren merken gerade, wie wichtig unsere lokalen Grünflächen zur Erholung sind. Das dürfen wir nicht vergessen, wenn wieder über die Bebauung des Tempelhofer Feldes diskutiert wird. Und auch die Berliner Verwaltung wächst über sich hinaus und schafft jetzt Pop-up-Radwege, auf die wir ohne Krise noch lange hätten warten müssen und die nun international als Vorbild dienen. Friedrichshain-Kreuzberg ist hier vorangegangen und die anderen Bezirke folgen nun. Angesichts des Abstandgebot sollten wir auch Nebenstraßen zu Spielstraßen umgewidmet werden. Lasst uns die Chance ergreifen, mutig und spontan sein, Dinge ausprobieren und die guten Dinge verstetigen!

Es zeichnet sich aber auch ab, dass diese Krise teuer wird und auf die Corona-Krise eine Wirtschaftskrise folgt, für die es ebenfalls Konjunkturprogramme braucht. Hierbei müssen ökologische und soziale Dimensionen konsequent mitgedacht werden. Sie bieten die Chance, die ökologische Transformation unserer Gesellschaft zu unterstützen und zu beschleunigen. Deswegen müssen die Investitionen klimafit sein und keine fossilen und schmutzigen Technologien fördern. Eine Abwrackprämie für Verbrennungsmotoren oder staatliche Hilfen für die Luftfahrtindustrie sind der falsche Pfad! Ein Programm für die Wärmewende in unseren Häusern würde dagegen Konjunktur und Klima nützen. Damit das viele Geld, das durch die Krise bewegt werden wird, allen hilft, braucht es ökologische Leitplanken.

Wenn wir nicht aufpassen, werden die Schwächsten durch Kürzungen im Haushalt zur Kasse gebeten. Dabei haben inzwischen auch die Letzten festgestellt: Gerade viele Menschen mit niedrigen Einkommen sind systemrelevant. Wir müssen sicherstellen, dass die Konjunkturprogramme von den starken Schultern unserer Gesellschaft getragen werden. Deshalb ist es richtig, jetzt auch über Ungleichheit bei Einkommen, Erbschaften und Vermögen zu reden. Dann kann Corona der Grundstein einer solidarischeren und klimagerechteren Gesellschaft sein.

Damit „Krise als Chance“ mehr ist als eine hohle Phrase, müssen wir diese Chancen für eine sozial gerechte und ökologische Zukunft erkennen und so mutig sein, sie auch zu ergreifen.

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