Klima retten, Möhren schützen!

03.07.2019

Bild mit Sina und Möhre

Gemeinsam mit der Pressesprecherin von Ende Gelände habe ich mich bei den geschädigten Bauern entschuldigt und bekräftigt: Wir kämpfen gegen den Klimawandel und damit auch für die Möhren! (Bild: Instagram von EG)

Ende Juni gingen zehntausende Menschen für den Klimaschutz auf die Straße und in die Kohlegrube – und leider auch über Möhren. Vom 19.-24. Juni fand das Aktionswochenende von Ende Gelände statt, bei dem über 6.000 Menschen zentrale Knotenpunkte der RWE-Infrastruktur im Rheinischen Braunkohlerevier blockierten. Flankiert von einer Großdemonstration der Umweltverbände und der Fridays für Future-Veranstaltung mit über 40.000 Menschen in Aachen setzten sie gemeinsam ein starkes Zeichen für den Klimaschutz.

Als Parlamentarischer Beobachter habe ich diese Proteste begleitet. Ein schönes Interview zu dieser Rolle hat mein Kollege Michael Bloss hier gegeben und Lisa Badum hat etwas zu den Vorwürfen hier geschrieben. Ende Gelände nutzt das Mittel des zivilen Ungehorsams, um auf das Versagen der Klimapolitik aufmerksam zu machen. Dazu werden bewusst Regeln überschritten – aber nur sehr bestimmte Regeln. Es geht darum, das Einheizen des Klimas durch die Förderung und Verstromung von Kohle zu unterbrechen. Dabei wird viel Wert darauf gelegt, dass Dritte (Anwohnende, Landwirte, Polizisten etc.) nicht zu Schaden kommen und auch kein weiterer Schaden entsteht. Während der Aktionen kam es vereinzelt dazu, dass Aktivist*innen die Wege verließen und über Äcker liefen, die leider noch nicht alle abgeerntet waren. In diesem Fall ist leider bei dem Bauern ein Schaden entstanden, den Ende Gelände entschädigen wird.

Entschuldigung für meinen Tweet

Meine Äußerung dazu auf Twitter wurde im Folgenden medial stark aufgegriffen und kritisiert. Mit dem Tweet „Deine Möhren sind nicht wichtiger als unser Klima. Sorry.“ (an einen sich über die Proteste beschwerenden Landwirt), wollte ich verdeutlichen, dass die Klimakrise eine massive Bedrohung für uns alle darstellt, für Menschen, Tiere und Landwirtschaft. Das hätte ich besser ausdrücken können und ich gebe zu, dass die Wortwahl überspitzt war. Bäuerinnen und Bauern machen tolle Arbeit und sichern unsere Ernährung. Diese Arbeit wollte ich auf keinen Fall in Frage stellen. Wenn das so angekommen ist, tut es mir ernsthaft leid. Dafür entschuldige ich mich.

Die Klimaproteste zeigen aber doch auch, wie viel Frust es in der Gesellschaft gibt mit der aktuellen Klimapolitik. Junge Menschen fürchten um ihre Zukunft – in der sie vielleicht keine Möhren mehr ernten können. Vor dem Hintergrund ist es vielleicht auch gut zu wissen, dass schon im letzten Jahr aufgrund der großen Hitze die Erntemenge bei Möhren und Kartoffeln um rund 17% zurückging. Die Klimakrise stellt damit eine reale und große Gefahr für die lokale Landwirtschaft dar.

Klimaschutz bedeutet: Weniger Flugzeug, mehr Bahn

Screenshot Nazi-Video zu Flugreisen

2018 bin ich mit dem Nachtzug nach Lissabon. Laut AfD ein typisches Beispiel von Vielfliegerei. (Screenshot gpk)

An die Debatte anknüpfend produzierte die Berliner AfD-Fraktion ein Video, in dem anhand von dem Internet entnommene Privatfotos meine letzten Reisen die These aufgestellt wurde, ich sei all diese Strecken geflogen. Das ist eine infame Unterstellung! Flugreisen sind eine immense Belastung für das Klima und es stimmt, dass auch ich in meinem Leben bereits Fernreisen mit dem Flugzeug gemacht habe – allerdings sind bei Weitem nicht alle der im Video genannten Reisen Flugreisen. (Es schockiert mich, dass mir zugetraut wird von Berlin nach Kopenhagen zu fliegen!) Innereuropäisch nutze ich grundsätzlich kein Flugzeug mehr. Ich weiß ja selbst um die Klimawirkung und da die von mir gezahlten Ausgleichszahlungen bei Atmosfair nicht ausreichen, hinterfrage ich jede Reise doppelt.

Politisch setze ich mich dafür ein, andere und nachhaltigere Formen der Mobilität zu fördern. Das Problem liegt doch darin begründet, dass Flugreisen viel günstiger sind als Reisen mit dem Zug, dass Zugstrecken nicht ausreichend ausgebaut sind und dass die Städte sich an den Bedürfnissen von Autos und nicht von Fahrrädern und Fußgängerinnen und Fußgängern orientieren. Wer möchte, dass Menschen weniger fliegen – und da schließe ich mich mit ein – muss doch an diesen Punkten ansetzen. Als Politiker leiste ich mir Bahnfahrten z.B. nach Lissabon. Aber das können nicht alle, weil Reichtum ungerecht verteilt ist. Deshalb brauchen wir preiswertere Bahnfahrten.

Ich bin in die Politik gegangen, um diese Strukturen zu ändern. Auf Landesebene sind die Möglichkeiten dazu begrenzt, aber wir haben in Berlin ein Mobilitätsgesetz verabschiedet, das den Öffentlichen Nahverkehr stärkt, dafür sorgt, dass Radwege ausgebaut werden und Menschen zu Fuß sicher ihr Ziel erreichen.

Von Möhren zu Mord?

Sowohl auf den Tweet als auch auf das Video gab es viele Reaktionen auf sozialen Medien und per Mail. Politische Streitkultur lebt davon, dass es unterschiedliche Meinungen gibt, die mit Argumenten gestützt und diskutiert werden. Wüste Beschimpfungen bis hin zu Morddrohungen, die mich erreicht haben, sind indiskutabel. Einiges davon habe ich zur Anzeige gebracht. An dieser Stelle möchte ich denjenigen danken, die mir ihre Unterstützung haben zukommen lassen. Einen guten Beitrag der auch die Rolle einer großen Boulevardzeitung beleuchtet hat Alexander Fröhlich im Tagesspiegel geschrieben.

Für mich führte dieser Fall zu einigen neuen Einsichten:

  • Twitter lebt von Spontanität und ungefilterter Diskussion. Doch als Politiker muss ich meine Tweets noch stärker abwägen: Sind sie nicht nur relevant und inhaltlich zutreffend sondern verletzt ihr (Unter-)Ton vielleicht jemanden? Oder werden gar Stereotype über das links-grüne Milieu bedient? Ich werde Twitter nicht mehr so nutzen können wie bisher und mich hier deutlich zurücknehmen.
  • Facebook steht ja schon lange in der Kritik und auch bei meinem „shitstorm“ konnte ich irgendwann nichts mehr tun als Hass und Häme einfach zu ignorieren. Ich habe mein Facebook-Konto mit meinen über 1.600 Freund*innen, den Netzwerken, Gruppen, Geburtstagserinnerungen etc. nach 12 Jahren gelöscht. In Zukunft habe ich eine sterile „Politiker-Seite“ und freue mich über Eure Likes dort. Ab sofort könnt Ihr nicht mehr sehen welche Bands mich interessieren und auf welche Soli-Parties ich gehe. Der Mensch hinter dem Politiker wird weniger sichtbar. Das ist nicht mein Verständnis von einer transparenten Demokratie, in der wir auf Zeit und als Menschen, die wir sind, – nicht als Politik-Schablone – gewählt werden. Das ärgert mich. Das war dennoch nötig.
  • Instagram war bisher von Trollen und Hass weitgehend verschont geblieben – doch auch das ändert sich. Die rechtsradikale AfD hat meine Offenheit hier schamlos für ihre Lügen ausgenutzt. Ich werde in Zukunft hier weniger Fotos aus privaten Kontexten reinstellen. Dennoch will ich hier (vorerst) weiterhin die Möglichkeit geben, hinter den sterilen Politik-Alltag zu schauen.
  • Die vielen, vielen Kontakte mit Bürger*innen hatten auch ein Gutes. Es gab auch ganz viele ehrliche Nachfragen, Hinweise und Kritik. Ich habe auf Insta, Twitter und via Mail viele spannende Begegnungen gehabt und dadurch auch viel gelernt.

Klimaschutz geht nur gemeinsam!

Wenn Christian Lindner angesichts tausender protestierender Schülerinnen und Schüler lieber über die Schulpflicht reden will, dann tut er das, weil er nicht über das Klima reden möchte. Und wenn große Medienanstalten nun lieber über Möhrenfelder und die AfD lieber über meine vergangenen Urlaubsreisen reden will, dann tun sie das aus dem gleichen Grund: Sie wollen nicht über Klimaschutz reden. Die Strategie dahinter ist perfide, denn es sollen nur noch die über die besten Klimaschutzmaßnahmen streiten “dürfen”, die perfekte Menschen sind. Wir lassen uns den Mund aber nicht verbieten! Klimaschutz geht uns alle an und alle Menschen sollten sich für ein besseres Klima einsetzen: Privat und Politisch.

Leave a reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.